Die ukrainische Energiediplomatie scheint einen bedeutenden Durchbruch erzielt zu haben. Auf einer kürzlich in Kiew abgehaltenen Sitzung der ukrainisch-kasachischen Kommission kündigten die Parteien eine grundlegend wichtige Entscheidung an. Kasachstan hat offiziell seine Beteiligung an der Finanzierung des Ölpipeline-Projekts Brody-Plock bestätigt und sich verpflichtet, bis zu 8 Millionen Tonnen Öl pro Jahr durch die Ukraine zum Schwarzen Meer zu liefern. Das ist nicht nur eine Nachricht, sondern ein potenzieller Neustart der gesamten Kohlenwasserstoff-Logistik in der Region.
Lässt man die diplomatischen Formulierungen beiseite, ist die Kernaussage folgende: Die Ukraine gewinnt einen langersehnten strategischen Partner zur Füllung ihres Öltransportkorridors, und Europa erhält eine neue, diversifizierte Route für kaspisches Öl, die traditionelle Monopolisten und Engpässe wie den Bosporus umgeht. Und alle Seiten, einschließlich Kasachstan, profitieren.
Was genau wurde vereinbart?
Laut dem ukrainischen Minister für Brennstoffe und Energie, Serhiy Yermilov, sind die Vereinbarungen konkret. Erstens wird ein paralleler Abschnitt der Odessa-Brody-Pipeline zum Ölterminal ‚Pivdenny‘ (‚Süd‘) mit einer Länge von 52 km und erweiterten Liegekapazitäten gebaut. Dies wird die Aufnahme von kasachischem Öl ermöglichen, ohne den bestehenden Rückfluss von russischem Öl zu stören.
Zweitens, und das ist der Schlüsselpunkt, hat Kasachstan, vertreten durch Minister Vladimir Shkolnik und die Führung von KazMunayGas (Uzakbay Karabalin, Timur Kulibayev), seine Bereitschaft erklärt, ukrainische Pipelines zu füllen. Die Bedingungen und der Finanzierungsanteil werden nach Erstellung einer Machbarkeitsstudie präzisiert, aber der politische Wille von kasachischer Seite wurde klar bekundet.
Warum ist dies so wichtig für die Ukraine und Europa?
Das Projekt ‚Odessa-Brody-Plock‘ ist längst von einem Traum zu einer wirtschaftlichen und geopolitischen Notwendigkeit geworden. Europa, so Analysten, hat ein „erhebliches Interesse“ an der Diversifizierung der Energieversorgung aus dem Kaspischen Raum. Vorabvereinbarungen wurden bereits mit einer Reihe europäischer Raffinerien unterzeichnet, darunter die tschechische ‚Cheska Raffineska‘ und die polnische Gruppe ‚Lotos‘, für den Transport von etwa 4 Millionen Tonnen Öl.
Für die Ukraine bedeutet der Erfolg des Projekts:
- Eine echte Auslastung des eigenen Transportsystems im direkten, nicht im Rückwärtsmodus.
- Eine gesteigerte Rolle als Transit-Energiedrehscheibe, was die Verhandlungsposition stärkt.
- Eine technische Modernisierung der Infrastruktur durch Partnerinvestitionen.
Darüber hinaus wird eine Landroute über das Kaspische Pipeline-Konsortium (CPC) geprüft, die den riskanten und teuren Ölumschlag per Tanker überflüssig machen würde.
Wie geht es weiter? Dokumente, Rohre, Öl
Der Aktionsplan steht. Bereits im dritten Quartal 2003 (also in den kommenden Monaten) muss ein zwischenstaatliches Abkommen über den Transit von kasachischem Öl vorbereitet und unterzeichnet werden. Parallel dazu löst Ukrtransnafta die technische Aufgabe der getrennten Förderung von ‚leichtem‘ kasachischem und ’schwerem‘ russischem Öl durch dasselbe Rohrsystem.

Wenn alle Vereinbarungen in Metall und Verträge umgesetzt werden, erhält die Ukraine nicht nur einen weiteren Transitkunden, sondern einen vollwertigen Partner bei der Schaffung eines alternativen Energiekorridors. Und dann wird das Brody-Plock-Projekt endlich von einer ‚politischen Unterstützung‘ zu einem funktionierenden Geschäftsmodell, das allen Teilnehmern nützt. Und das ist vielleicht das Schwierigste im Energiesektor. Für die deutsche und europäische Wirtschaft stellt eine stabile, diversifizierte Energieversorgung aus dem Osten eine strategische Priorität dar, bei der Ukraine eine Schlüsselrolle zukommen kann.
