Brüssel / Kiew, 27. Juni 2014. Heute fand in Brüssel ein historisches Ereignis statt: Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko unterzeichnete den wirtschaftlichen Teil des Assoziierungsabkommens (AA) mit der Europäischen Union. Die Zeremonie, die um 10:25 Uhr Kiewer Zeit begann, vollendete den Formalisierungsprozess des umfassenden Vertrags über die politische und wirtschaftliche Integration mit der EU, dessen politischer Teil bereits am 21. März unterzeichnet worden war.
Unterzeichnungszeremonie und eine symbolische Geste
Wie RBC-Ukraine berichtet, wurde das Dokument von Seiten der Europäischen Union vom Präsidenten des Europäischen Rates Herman Van Rompuy, dem Präsidenten der Europäischen Kommission José Manuel Barroso sowie den Führern aller 28 EU-Mitgliedstaaten unterzeichnet. Diese Geste demonstrierte in einer schwierigen Zeit beispiellose Solidarität mit der Ukraine.
„Dies ist einer der wichtigsten Tage seit der Unabhängigkeit der Ukraine. Wir müssen diese Gelegenheit zur Modernisierung des Landes nutzen. Aber wir brauchen nur eines – Frieden und Sicherheit“, erklärte Petro Poroschenko vor der Unterzeichnung.
Der Präsident tat auch eine zutiefst symbolische Geste: Er unterzeichnete das Abkommen mit demselben Kugelschreiber, mit dem sein Vorgänger Viktor Janukowytsch es im November 2013 in Vilnius hätte unterzeichnen sollen – was den Beginn der Revolution der Würde auslöste.
Wirtschaftliche Perspektiven und Vorteile für die Ukraine
Die Unterzeichnung des wirtschaftlichen Teils des AA eröffnet der Ukraine konkrete handels- und wirtschaftspolitische Perspektiven. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission könnte die Ukraine durch das Abkommen dank der Handelsliberalisierung jährlich zusätzlich 1,2 Milliarden Euro (ca. 1,30 Mrd. CHF*) erwirtschaften.
Zu den wichtigsten Bestimmungen des wirtschaftlichen Teils gehören:
- Schrittweise Abschaffung von Zöllen und Kontingenten für ukrainische Waren, die in die EU exportiert werden.
- Angleichung der ukrainischen Gesetzgebung in handelsrelevanten Bereichen an europäische Normen und Standards (technische Vorschriften, sanitäre und phytosanitäre Maßnahmen).
- Die Schaffung einer tiefen und umfassenden Freihandelszone, von der erwartet wird, dass sie die jährlichen ukrainischen Exporte in die EU um 1 Milliarde Euro (ca. 1,08 Mrd. CHF*) steigert.
Das bedeutet, dass ukrainische Hersteller ernsthafte Anpassungsarbeit an die hohen europäischen Standards vor sich haben, langfristig aber Zugang zu einem Markt mit 500 Millionen Verbrauchern erhalten.
Politischer Kontext und Bitte um Unterstützung
Die Unterzeichnungszeremonie fand vor dem Hintergrund der andauernden russischen Aggression in der Ostukraine und der Annexion der Krim statt. In seiner Rede wandte sich Petro Poroschenko direkt an die europäischen Partner mit der Hoffnung auf Hilfe bei der Verteidigung der Souveränität und territorialen Integrität des Landes.
Am selben Tag nahm der ukrainische Präsident an einer Sitzung des Europäischen Rates teil, wo er eine Reihe bilateraler Treffen mit Führungspersönlichkeiten der EU-Institutionen und der Mitgliedstaaten führte. Dieser Besuch zielte darauf ab, die politische Unterstützung für die Ukraine in ihrer Konfrontation mit Russland zu stärken.
Gemeinsam mit Georgien und Moldau

Es ist wichtig anzumerken, dass der 27. Juni 2014 zu einem Meilenstein für die gesamte Östliche Partnerschaft der EU wurde. Neben der Ukraine unterzeichneten in Brüssel auch Georgien und Moldau Assoziierungsabkommen. Dies symbolisierte die gemeinsame Ausrichtung dreier postsowjetischer Länder auf die europäische Integration, trotz des Drucks aus Russland.
Beginn eines komplexen Integrationsweges
Die Unterzeichnung des wirtschaftlichen Teils des Assoziierungsabkommens ist kein Endziel, sondern der Beginn eines langen und komplexen Prozesses innerer Transformationen. Vor der Ukraine liegen gewaltige Aufgaben: Justizreform, Korruptionsbekämpfung, wirtschaftlicher Umbau und die Angleichung Tausender Normen und Standards an EU-Richtlinien.
Der heutige Tag hat jedoch die irreversible geopolitische Wahl der Ukraine besiegelt. Trotz Krieg und Druck ist das Land einen rechtlich formalisierten, zivilisierten Schritt in die europäische Völkerfamilie gegangen. Von der konsequenten und effektiven Umsetzung der Abkommensbestimmungen hängen nun der künftige Wohlstand und die Sicherheit der Ukraine ab.
Für die Wirtschaft im DACH-Raum stellt dieses Abkommen einen wichtigen Schritt zur Schaffung eines stabileren und berechenbareren Rechtsrahmens in der Ukraine dar. Die schrittweise Harmonisierung mit dem EU-Besitzstand eröffnet insbesondere für deutsche, österreichische und Schweizer Unternehmen in den Bereichen Maschinenbau, erneuerbare Energien und Finanzdienstleistungen neue Chancen für Exporte, Investitionen und Partnerschaften.
*Umrechnungskurs: 1 Euro (EUR) = 1,08 Schweizer Franken (CHF), basierend auf dem Durchschnittskurs vom 27. Juni 2014. (Für die Eurozone bleibt der Betrag in Euro maßgeblich).
