Polen hat den längsten Eisenbahntunnel seiner Geschichte fertiggestellt. Eine Tunnelbohrmaschine (TBM) namens „Jadwiga“ hat in 10 Monaten 3750 Meter in den Beskiden — zwischen den Dörfern Męcina und Mordarka — durchbrochen. Dies ist nicht nur ein Bauprojekt, sondern ein Schlüsselelement einer Verkehrsrevolution im Süden des Landes.
Für die Bewohner der Woiwodschaft Kleinpolen ist dieser Tunnel ein Ausweg aus dem Verkehrsinferno. Derzeit ist es eine 2,5- bis 3-stündige Herausforderung, von Krakau nach Nowy Sącz auf ständig verstopften Straßen zu gelangen. Wenn das Projekt vollständig in Betrieb ist, wird der Zug etwa eine Stunde brauchen. Nach Zakopane — anderthalb Stunden statt drei bis vier Stunden mit dem Auto. Der Unterschied ist gewaltig.
Für deutsche, österreichische und Schweizer Logistikunternehmen ist Polen bereits das Logistikdrehkreuz Mitteleuropas. Dieser Tunnel verkürzt die Reisezeiten in die Slowakei und nach Ungarn und eröffnet neue Korridore für den grenzüberschreitenden Handel mit der Ukraine, einem Markt von wachsendem Interesse.
Aber der Reihe nach. Die Zahlen sind hier die Hauptdarsteller. Und sie beeindrucken selbst erfahrene Ingenieure.
„Jadwiga“ durch den Berg: 46 Meter pro Tag — Ein europäischer Rekord
Ein Koloss mit einem Gewicht von 2.500 Tonnen und einem Durchmesser von fast 11 Metern startete im Juni 2025. Und in 10 Monaten — ohne Wochenenden, ohne „überlegen wir mal“ — fraß er sich durch diese 3,7 km. An seinem besten Tag legte „Jadwiga“ 46 Meter zurück. Laut PKP Polskie Linie Kolejowe SA ist dies einer der besten Werte in Europa für derartige Arbeiten.

Wichtig ist: Die Maschine zerkleinerte nicht nur das Gestein, sondern verlegte gleichzeitig die Betonwände. Der Tunnel ist also bereits fast „roh“ fertiggestellt.
Polens Infrastrukturminister Dariusz Klimczak hielt eine pathetische, aber treffende Rede:
„Vor drei Wochen haben wir den kleinen Evakuierungstunnel gebohrt, jetzt den großen für Züge. Das beweist: Wir haben Spitzenspezialisten.“
Und wissen Sie was? Es ist schwer, ihm zu widersprechen.
Nicht nur ein Tunnel, sondern 31 km unterirdische Gänge und 17 Mrd. Zloty*
Das Objekt an sich ist keine Laune, sondern ein Schlüsselteil des Megaprojekts „Podłęże-Piekiełko“. Das Gesamtbudget beträgt etwa 17 Mrd. Zloty* (etwa 4,73 Mrd. US-Dollar). Verrücktes Geld, aber der Maßstab ist entsprechend.

Im Rahmen des Projekts werden 20 Tunnel gebaut (16 für Züge, 4 Evakuierungstunnel) mit einer Gesamtlänge von mehr als 31 km. Dazu Dutzende von Brücken und Viadukten. Und das alles — in einem schwierigen Vorgebirgsgelände, wo jeder Meter buchstäblich herausgebissen werden muss.
Nach alledem wird der Zug von Krakau nach Nowy Sącz etwa 60 Minuten brauchen. Und von Krakau nach Zakopane — etwa 90 Minuten.
Das Ende des Bohrens ist nicht der Beginn des Betriebs — Aber „Jadwiga“ wird weiterfahren
Die Projektträger verheimlichen nicht: Das Ende des Bohrens ist nicht die Ziellinie. Es müssen noch die Tunnel mit den Evakuierungsausgängen verbunden, Gleise verlegt, die Oberleitung sowie Sicherheits- und Verkehrsmanagementsysteme installiert werden. Dann — Zertifizierungen und Abnahmen. Der Zugverkehr wird hier frühestens in einem bis anderthalb Jahren beginnen.
Aber es gibt eine gute Nachricht für Technikbegeisterte. Nach der Wartung wird „Jadwiga“ (und ihre begleitenden Maschinen) in die Region Szczyżyca transportiert, wo sie die nächsten Tunnel bohren werden. Die Maschine wird nicht stillstehen.

Ein Teil des Projekts wird von der Europäischen Union durch die Krajowy Plan Odbudowy i Zwiększania Odporności (Nationaler Aufbau- und Resilienzsteigerungsplan) kofinanziert — Polens nationales Programm im Rahmen des gesamteuropäischen Mechanismus.
Warum ist das wichtig? Drei ehrliche Schlussfolgerungen
Erstens: die Herangehensweise. Die Polen haben ein äußerst komplexes Objekt in den Bergen in 10 Monaten gebaut — mit klarer Planung, Rund-um-die-Uhr-Arbeit und ohne Trödelei. Ähnliche Herausforderungen gibt es andernorts. Das Beispiel der Nachbarn beweist: Es ist lösbar, wenn politischer Wille und professionelles Management vorhanden sind.
Zweitens: EU-Gelder wirken. Die Europäische Union finanziert groß angelegte Infrastrukturprojekte in Polen über Aufbau- und Resilienzmechanismen. Für deutsche, österreichische und Schweizer Unternehmen, die auf EU-finanzierte Ausschreibungen zielen, ist das Verständnis dafür, wie die Polen arbeiten — qualitativ hochwertige Projekte vorbereiten, Fristen einhalten, Transparenz gewährleisten — direkt auf Chancen in anderen Mitgliedstaaten übertragbar.
Drittens: Logistik- und Geschäftschancen. Polen ist bereits das Logistikdrehkreuz Mitteleuropas. Jeder neue Kilometer polnischer Straßen und Schienen schafft neue Routen für den grenzüberschreitenden Handel mit der Ukraine, der Slowakei, Ungarn und den baltischen Staaten. Für Logistikunternehmen, Baustofflieferanten und Maschinenbauer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ist dies ein Markt, der genau beobachtet werden sollte.
Also lassen wir die falsche Bescheidenheit: Der Erfolg der Nachbarn ist kein Grund für Neid, sondern für Analyse und Handeln. Die Polen haben bewiesen: Wenn Sie ein Ziel, Geld und „Jadwiga“ haben, dann sind Berge kein Hindernis. Hut ab vor den polnischen Ingenieuren.
* Hinweis: Alle Fremdwährungsberechnungen basieren auf dem Wechselkurs vom 19. April 2026: 1 Polnischer Zloty (PLN) = 0,278 US-Dollar (USD). Die angegebenen Beträge dienen nur zu Informations- und Illustrationszwecken und stellen keine Finanzberatung dar. Aktuelle Wechselkurse finden Sie im Währungsumrechner.
