29. Juni 2026 – Warschau hat einen konkreten Schritt im jahrelangen Streit mit Berlin über Entschädigungen für den Zweiten Weltkrieg unternommen. Die Regierung von Donald Tusk hat der deutschen Seite einen detaillierten Plan übergeben, der jährliche Zahlungen an lebende Opfer des NS-Regimes vorsieht. Darüber berichtet die Süddeutsche Zeitung.
Für die deutsche Öffentlichkeit und die politischen Entscheidungsträger in Berlin ist diese Forderung von besonderer Brisanz. Die Bundesregierung muss eine Antwort finden, die sowohl den historischen Verpflichtungen als auch den aktuellen finanziellen Realitäten gerecht wird.
Es geht um 10.000 Zloty (etwa 2.333 Euro oder 2.753 US-Dollar) pro Jahr für jeden Menschen, der die NS-Besatzung überlebt hat. Nach polnischen Schätzungen sind dies derzeit etwa 50.000 Menschen, deren Zahl monatlich um etwa tausend abnimmt.
Die Gesamtkosten des Programms könnten nach sehr vorsichtigen Berechnungen etwa 300 Millionen Euro betragen. Im Jahr 2027, wenn Berlin zustimmt, müsste der deutsche Haushalt die ersten 100 Millionen Euro für die Versorgung aller registrierten Opfer bereitstellen.
Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk fordert von Deutschland eine endgültige Zustimmung zu dem Plan bis Ende 2026. Andernfalls droht Warschau, die Zahlungen aus dem eigenen Haushalt zu finanzieren.
Politischer Hintergrund: warum genau 10.000 Zloty?
Diese Forderung geht nicht nur um Geld, sondern auch um Innenpolitik. Die Regierung von Tusk versucht, Vorwürfen der Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) zu entgehen, die zuvor astronomische 1,3 Billionen Euro an Reparationen von Deutschland gefordert hatte.
Deshalb sucht Warschau nach einem Format einer finanziellen „humanitären Geste“, die von der Gesellschaft nicht als demütigendes Almosen empfunden würde. Im Jahr 2024 hatte Tusk bereits ein Angebot des damaligen Kanzlers Olaf Scholz über eine einmalige Entschädigung in Höhe von 200 Millionen Euro abgelehnt, da er sie für unzureichend hielt.
Historischer Kontext und Position Berlins
Die Verhandlungen finden vor dem Hintergrund eines aktiven Dialogs über die historische Vergangenheit und die gemeinsame Sicherheit statt. Kürzlich zog Bundeskanzler Friedrich Merz während eines Besuchs in Danzig eine Parallele zwischen der deutsch-polnischen Nachkriegsversöhnung und der Zukunft der Ukraine in Europa.
Wie bereits berichtet, bedankte sich Merz öffentlich beim polnischen Volk dafür, dass es trotz der schrecklichen Verbrechen, die Deutsche in Polen zwischen 1939 und 1945 begangen haben, den beiden Staaten gelungen ist, Frieden, gute Nachbarschaft und Freundschaft zu erreichen.
Doch trotz der warmen Worte bleibt die Frage des Geldes offen. Derzeit wird der Plan in Deutschland offiziell nicht kommentiert. Aber nach früheren Reaktionen zu urteilen, wird ein Kompromiss gefunden werden. Nur wird die Zahl wohl kaum mit der übereinstimmen, die Warschau sehen will.
Wie geht es weiter?
Das Ultimatum von Tusk ist ein politisches Manöver, das sowohl auf das inländische Publikum als auch auf die europäischen Partner abzielt. Wenn Berlin sich weigert, wird Warschau die Zahlungen aus seinem eigenen Haushalt finanzieren, was die polnische Staatskasse belasten, aber das Image der Regierung als Verteidiger nationaler Interessen stärken wird.

Wenn Berlin zustimmt, entsteht ein Präzedenzfall, auf den sich andere vom Nationalsozialismus betroffene Länder berufen können. Griechenland zum Beispiel blickt schon lange mit ähnlichen Forderungen nach Deutschland.
Es bleibt Zeit bis zum Jahresende. Es wird spannend sein.
* Anmerkung: Alle Beträge in US-Dollar und Euro sind Richtwerte auf der Grundlage der Wechselkurse vom 29. Juni 2026: 1 Polnischer Zloty (PLN) ≈ 0,2753 USD, 1 Euro (EUR) ≈ 1,0647 USD. Die Wechselkurse dienen nur zu Informationszwecken und sollten nicht für finanzielle Entscheidungen verwendet werden. Den aktuellen Kurs können Sie im Währungsrechner überprüfen.
