Kiew, 27. September 2013. Der ukrainische Staat bereitet sich darauf vor, einen Teil seiner Schulden gegenüber der Wirtschaft für die Erstattung der Mehrwertsteuer (MwSt.) nicht mit Bargeld, sondern mit Wertpapieren zu begleichen. Rund 1000 ukrainische Unternehmen haben bereits vorläufig zugestimmt, eine solche Entschädigung in Form von Finanzschatzwechseln zu erhalten, berichtet die Ausgabe „Kommersant-Ukraine“ unter Berufung auf eigene Quellen. Für deutsche Unternehmen und Investoren unterstreicht dieser Mechanismus die anhaltenden Liquiditätsrisiken im ukrainischen Markt.
Wiederholung des Szenarios von 2010?
Ein ähnlicher Mechanismus wurde bereits 2010 von der Regierung zur Lösung des Problems der MwSt.-Rückstände eingesetzt. Damals bot der Staat Unternehmen fünfjährige MwSt.-Anleihen mit einem Gesamtwert von 20 Milliarden Hrywnja (ca. 1,85 Milliarden Euro*) zu einem Jahreszins von 5,5 % an. Die Unternehmen nahmen jedoch nur Wertpapiere im Wert von 16,2 Milliarden Hrywnja (ca. 1,5 Milliarden Euro*) auf.

Nun wurden kurzfristige Schatzwechsel als Instrument gewählt. Am Tag zuvor hatte das Ministerium für Einnahmen und Abgaben dem Finanzministerium einen Bericht vorgelegt, wonach etwa 12 Milliarden Hrywnja (ca. 1,11 Milliarden Euro*) für die Erstattung über Wechsel bereitgestellt werden könnten. In diesen Betrag flossen sowohl die bis zum 1. August unbestätigten Anträge als auch die Prognosewerte aus den bis zum 1. November einzureichenden Steuererklärungen ein.
„Die Wirtschaft hat keine Wahl“: Meinung von Experten
Vertreter von Wirtschaftsverbänden stellen fest, dass die Unternehmen praktisch keine Alternative zu diesem Mechanismus haben.
„Die Unternehmen haben keine andere Möglichkeit, die MwSt. zu erhalten, also werden sie die Wechsel nehmen. Mir sind keine Unternehmen bekannt, die sagen würden, sie hätten keine Probleme“, erklärt Anna Derewjanko, Geschäftsführerin der European Business Association.
Dmytro Oliynyk, Vizepräsident des Rates der Arbeitgeberverbandsföderation, bestätigt, dass der Verkauf von Wechseln auf dem Sekundärmarkt für die Unternehmen die einzige Möglichkeit sein wird, schnell an Bargeld zu kommen. Das Hauptrisiko sind jedoch die enormen Abschläge (Diskonte), mit denen sie sich von diesen Wertpapieren trennen müssen.
„Es sind uns Informationen zugegangen, dass die Abschläge 30–50 % betragen werden“, bemerkt Oliynyk.
Zum Vergleich: Die MwSt.-Anleihen aus dem Jahr 2010 wurden mit einem Abschlag von 20–30 % verkauft. Experten gehen davon aus, dass sich die Situation verbessern könnte, wenn die Nationalbank der Ukraine beginnt, Geschäftsbanken mit diesen Wechseln als Sicherheit zu refinanzieren. Dies könnte die Nachfrage danach erhöhen und den Abschlag auf etwa 10 % senken.
Analyse: Eine erzwungene Maßnahme mit Liquiditätsrisiken
Die Entscheidung zur Ausgabe von Wechseln ist eine erzwungene Maßnahme angesichts der akuten Liquiditätsknappheit im Staatshaushalt. Für die Unternehmen ergibt sich eine zwiespältige Situation:
- Formale Schuldentilgung: Die Unternehmen erhalten eine rechtliche Bestätigung, dass der Staat seine Schuld anerkennt.
- Probleme mit der tatsächlichen Liquidität: Um einen Wechsel in Bargeld umzuwandeln, muss ein Unternehmen ihn mit erheblichem Abschlag auf dem Markt verkaufen und verliert so effektiv einen erheblichen Teil der ihm zustehenden Mittel. Dies trifft das Betriebskapital der Unternehmen.
Der Mechanismus verbessert somit vorübergehend die Kennzahlen des Staatshaushalts, verlagert die finanziellen Schwierigkeiten aber auf den realen Wirtschaftssektor und verschärft so das Problem des Mangels an Betriebskapital.
Fazit: Erwartung einer neuen Runde von Zahlungsausfällen
Die Ausgabe von Schatzwechseln zur Begleichung der MwSt.-Schuld ist ein Beleg für anhaltende Liquiditätsprobleme in den öffentlichen Finanzen. Der Mechanismus von 2010 hat das Problem nicht systemisch gelöst, und nun wiederholt sich die Situation.
Der Erfolg dieser Operation hängt von zwei Faktoren ab: der Höhe des Abschlags, zu dem die Unternehmen die Wechsel verkaufen können (was die tatsächlichen Verluste der Unternehmen bestimmt), und der Fähigkeit der Nationalbank der Ukraine, für diese Wertpapiere einen Sekundärmarkt zu schaffen. In jedem Fall wird die MwSt.-Rückzahlung für Tausende ukrainischer Unternehmen wieder zu einem komplexen Finanzgeschäft mit ungewissem Ausgang und nicht zu einer einfachen Aufstockung des Betriebskapitals.
*Wechselkurs zum 27.09.2013: ~1 EUR ≈ 10,80 UAH. Die Umrechnung der Beträge ist ungefähr und dient nur zur Information. Diese Informationen sind keine Finanzberatung.
