Der lang erwartete Rückgang der Kraftstoffpreise an ukrainischen Tankstellen gewinnt endlich an Fahrt. Nach Monaten relativer Stabilität begannen die Netzwerke Mitte März, die Preise für Benzin, Diesel und Autogas zu senken. Doch wie sich herausstellt, hat dieser Rückgang seine eigene Spezifik und Risiken, die einen wirklich tiefen Preisverfall verhindern. Für europäische Beobachter ist die Lage in der Ukraine ein Beispiel dafür, wie Kriegswirtschaft, Steuern und verändertes Verbraucherverhalten die übliche Wechselwirkung zwischen globalen Ölpreisen und lokalen Verkaufskosten verzerren können.

Die Zahlen an den Säulen kriechen nach unten
Laut Monitoringdaten sanken die durchschnittlichen Einzelhandelspreise in Tankstellennetzwerken vom 13. bis 20. März um 58 Kopeken bis 1 Hrywnja pro Liter. Infolgedessen kostet ein Liter Benzin A-95 jetzt durchschnittlich 55,71 UAH (ca. 1,40 Euro*) und Dieselkraftstoff 54,06 UAH. Autogas wurde bescheidener billiger – um 28 Kopeken auf 36,32 UAH pro Liter.
Dieser Rückgang ist folgerichtig und mit der Dynamik auf dem Weltmarkt verbunden. Wie die Agentur Bloomberg berichtet, fiel der Preis für Brent-Öl-Futures vom 15. Januar bis zum 20. März 2025 um 12 % – von 82 auf 72 Dollar pro Barrel.
„Das Öl ist gefallen, sie [die Tankstellennetze] hätten den Preis senken sollen, aber sie haben Angst, dass noch etwas passiert und das Einzelhandelsgeschäft erheblich verliert. Die Mathematik zeigt, dass man nachgeben [den Preis senken] kann, aber die Wirtschaft zeigt, dass man sich nicht beeilen muss“,
erklärt Oleksandr Sirenko, Analyst der Beratungsfirma „Naftorynok“.
Potenzial gibt es, aber es gibt ein „Aber“
Dem Experten zufolge gibt es vor dem Hintergrund eines um 10 % oder mehr gesunkenen Ölpreises ein Potenzial für eine Verbilligung des Kraftstoffs in Höhe von etwa 5 Hrywnja pro Liter (ca. 0,13 Euro). Das bedeutet, dass die aktuelle Senkung um eine Hrywnja nur der Anfang ist.
Dies wird auch durch die Diskrepanz zwischen Großhandels- und Einzelhandelspreisen bestätigt. Am 20. März betrug der durchschnittliche Großhandelspreis für Dieselkraftstoff in Kiew und der Region 45,9 UAH/l, während er an Tankstellen durchschnittlich für 54,57 UAH/l verkauft wurde. Die Differenz von 8,6 Hrywnja deutet eindeutig auf Spielraum für weitere Senkungen an den Tankstellen hin.
Was hindert die Preise daran, schneller zu fallen?
Oleksandr Sirenko nennt drei Hauptgründe, die die Tankstellennetze zu vorsichtigem Handeln zwingen:
- Umsatzeinbruch. Aufgrund des Krieges und damit verbundener Faktoren – Mobilisierung, Abwanderung von Menschen, geringere Mobilität – sind die Kraftstoffverkäufe erheblich zurückgegangen. „Es gibt weniger Menschen… die Menschen vermeiden unnötige Fahrten“, stellt der Experte fest. Um die Fixkosten bei sinkendem Umsatz zu decken, ist das Unternehmen gezwungen, eine höhere Marge pro Liter zu halten.
- Steuerliche Risiken. In den letzten sechs Monaten wurde die Verbrauchsteuer auf Mineralölerzeugnisse zweimal erhöht – im September 2024 und im Januar 2025. Darüber hinaus gilt seit dem 1. Dezember 2024 eine Regelung, die Netzwerke verpflichtet, die Gewinnsteuer im Voraus zu zahlen (60.000 UAH pro Station, ca. 1.500 Euro). Diese Änderungen schaffen Unsicherheit für die Zukunft und bieten keinen Anreiz für drastische Preissenkungen.
- Marketing statt echter Senkungen. Die Unternehmen haben einen anderen Weg gefunden, Kunden anzulocken.
„In den letzten sechs Monaten gab es 6-7 ‚Black‘ Fridays, so etwas hat es noch nie gegeben. Auch die Praxis, die Preise an Wochenenden zu senken, ist weit verbreitet“,
bemerkt Sirenko. So simulieren die Netzwerke Aktivität, ohne den Preis dauerhaft zu senken.
Was kommt als Nächstes?
Die Prognose des Experten ist zweischneidig. Einerseits ist das mathematische Potenzial für eine Senkung um 5 Hrywnja pro Liter eine Realität. Andererseits wird die wirtschaftliche Logik eines Unternehmens, das enorme Risiken trägt und auf einem geschrumpften Markt operiert, dem entgegenstehen. Höchstwahrscheinlich werden wir einen wellenartigen, vorsichtigen Preisrückgang erleben, der von aktiven Marketingkampagnen begleitet wird.
Wie die Publikation „RBC-Ukraine“ bereits früher berichtete, zeichnete sich im Februar bereits ein Trend zu günstigeren Kraftstoffen ab, und Experten erwarteten seine Fortsetzung im März. Jetzt hat er sich bestätigt, aber sein Ausmaß entspricht noch nicht dem Rückgang der Ölnotierungen.
*Wechselkurs zum 21.03.2025: ~1 USD ≈ 36,00 UAH (ca. 0,90 EUR). Der Brent-Ölpreis basiert auf Bloomberg-Daten.
