10. Januar 2022, Kiew. Wenn die Automobilindustrie ein Patient wäre, würde der Bericht für 2021 in etwa so klingen: „Zustand kritisch, aber stabil. Der Patient hat nach künstlicher Beatmung selbstständig zu atmen begonnen, jedoch sind Spaziergänge an der frischen Luft nicht möglich.“ Die heute vom Verband „Ukrautoprom“ veröffentlichten Zahlen sind eine klassische Geschichte von „sowohl Lachen als auch Weinen“. Formal ein starker Anstieg um 65 % im Jahresvergleich. In der Tat beträgt das Gesamtproduktionsvolumen gerade einmal 8.153 Fahrzeuge in 12 Monaten.

Machen wir uns nichts vor. 8.000 Autos sind nicht das Volumen einer nationalen Autoindustrie. Das ist ein statistischer Fehler für jedes Riesenwerk in Deutschland, Korea oder sogar Russland. Zum Vergleich: Das Volkswagen-Werk in Kaluga, Russland, kann allein in einem guten Monat so viele zusammenbauen. Diese Zahlen dürfen jedoch auch nicht ignoriert werden. Denn sie sind wie ein Lackmuspapier, das zwei wichtige Dinge zeigt: eine gierige Marktnachfrage und eine monströse Unfähigkeit unseres Industriesektors, diese Nachfrage zu befriedigen. Für deutsche Unternehmen, die nach Lieferketten-Diversifizierung oder neuen Absatzmärkten suchen, zeigt die ukrainische Nachfrage Potenzial, doch die industriellen Voraussetzungen bleiben ein erhebliches Hindernis.
Wachstum aus den Ruinen: Pkw im Plus, alles andere im Minus
Die Dynamik ist in der Tat beeindruckend, besonders vor dem Hintergrund des desaströsen Jahres 2020. Wie aus dem Bericht des Verbands hervorgeht, stieg die Pkw-Produktion um 75 % – auf 7.324 Einheiten. Dies ist der Treiber des gesamten Wachstums. Doch schauen wir genauer hin. Im Wesentlichen trugen zwei Akteure den Hauptbeitrag bei: Saporoschski Awtomobilebudiwny Sawod, kurz SАZ (Montage chinesischer Modelle) und „Eurocar“ (Skoda, Hyundai). Ihre Geschichte handelt nicht von Innovation, sondern von klassischer Schraubmontage, die auf Lieferengpässe und teure Logistikketten reagiert.

Bei Bussen und Nutzfahrzeugen sieht das Bild jedoch trostlos aus. Ein Plus von 10 % auf ein winziges Volumen ist kein Sieg. Und die Produktion von Lastwagen (ohne den statistisch nicht mehr erfassten AvtoKrAZ) fiel sogar um 16 % auf traurige 43 Einheiten pro Jahr. Das ist kein Sektor, das ist Agonie.

Genau deshalb sind der Produktionseinbruch im Oktober (minus 58 %) und der steile Anstieg im November (plus 82 %) keine Anzeichen von Gesundheit, sondern Fiebersymptome. Der Markt zuckt aufgrund von Komponentenmangel, Logistik-Kollaps und Nachfrageausschlägen. Vor diesem Hintergrund ist die Planung von etwas Ernsthaftem eine Übung für extreme Optimisten.
Was folgt aus diesen Zahlen? Drei Schlussfolgerungen für Unternehmen und Investoren
Insgesamt ergeben sich nach Studium der Zahlen und ruhiger Analyse der Situation die folgenden Gedanken.
1. Das Montagegeschäft lebt. Solange die Nachfrage nach Neuwagen besteht und die Preise für Gebrauchtimporte hoch sind, haben lokale Montagekapazitäten ihre Nische. Doch dies ist ein Geschäft mit extrem geringer Wertschöpfung und null Exportperspektiven. Es existiert nicht dank, sondern trotz der staatlichen Politik.
2. Von einer echten Autoindustrie kann keine Rede sein. Dafür braucht es Hunderttausende Einheiten pro Jahr, eine tiefe Lokalisierung, Zulieferindustrien und, was am wichtigsten ist, eine klare langfristige Strategie des Staates mit realen Anreizen. Davon ist nichts in Sicht. Und in absehbarer Zukunft auch nicht zu erwarten.
3. Der Nutzfahrzeugmarkt ist eine Herausforderung für Mutige. Der Rückgang der Produktion von Lastwagen und Kleinbussen in einer wachsenden Wirtschaft ist ein Paradoxon. Und wo es ein Paradoxon gibt, gibt es auch eine Möglichkeit. Wer einen Weg findet, Logistik und Teileversorgung zu organisieren und Unternehmen eine adäquate Lösung anbietet, kann eine leere Nische besetzen. Doch das wird Kapitalinvestitionen und Nerven aus Stahl erfordern.
Das Jahresfazit ist einfach: Die ukrainische Autoindustrie ist nicht tot. Sie existiert weiterhin leise in Form von handwerklichen Werkstätten in nationalem Maßstab und fängt einen Moment der Marktschwankungen ab. Damit sie sich in etwas Größeres verwandelt, braucht es keine Wachstumsstatistik von einer niedrigen Basis, sondern eine Industriepolitik. Und diese gab es leider noch nie und gibt es auch jetzt nicht. Also feiern wir die kleinen Siege: Wir montieren immerhin etwas. Und halten wir uns fester ans Steuer unserer Autos, auch wenn sie nicht hier zusammengebaut wurden.
