11. Februar 2026, Kiew. Der Wiederaufbau der Ukraine ist nicht nur Ziegel, Beton und neue Stromleitungen. Es geht in erster Linie um Kompetenzen. Die Fähigkeit, eine Idee für eine neue Schule, eine Kläranlage oder einen Industriepark in ein qualitativ hochwertiges, fundiertes und vor allem finanzierbares Projekt zu verwandeln. Genau dieser – scheinbar mühsamen, aber kritisch wichtigen – Aufgabe widmet sich das neue nationale Programm I_CAN (Interinstitutional Capacity Nurturing). In dieser Woche starteten seine ersten praktischen Schulungssitzungen und versammelten in der Oblast Schytomyr und in Korosten Dutzende Vertreter lokaler Gemeinden und Verwaltungen. Deutschland mit seinem föderalen System und seinen Erfahrungen beim Städtebau und der Fördermittelakquise kennt die Bedeutung solcher Qualifizierungsinitiativen. Das I_CAN-Programm ist ein wegweisendes Modell für den Aufbau lokaler Verwaltungskompetenz.
Hinter dem Akronym I_CAN („Ich kann“) steht ein ehrgeiziges Ziel: landesweit einen Pool von Tausenden von Spezialisten zu schaffen, die Projekte vorbereiten können, die bereit für die Finanzierung durch den Staat, internationale Geber oder private Investoren sind. Wie das Ministerium für die Entwicklung der Gemeinden und Territorien berichtet, konzentriert sich das Programm auf rein praktische Fähigkeiten: von der Anbindung des Projekts an Entwicklungsstrategien und der Auswahl technischer Lösungen bis hin zur Erstellung realistischer Budgets und der Arbeit mit Finanzierungsquellen. Einfach ausgedrückt, ist es eine Schule für finanzielle und projektbezogene Bildung für diejenigen, die darüber entscheiden, wie und wofür die Milliarden von Griwna für den Wiederaufbau ausgegeben werden.
Was ist I_CAN und für wen ist es gedacht?
Das Programm, das von der Kiewer Wirtschaftshochschule mit Unterstützung des Ministerkabinetts und der Weltbank durchgeführt wird, ist auf spezifische „Studenten“ zugeschnitten:
- Organe der lokalen Selbstverwaltung (vereinigte Territorialgemeinden);
- Regionale staatliche und militärische Verwaltungen;
- Kommunale Unternehmen;
- Nichtregierungsorganisationen und potenzielle PPP-Partner.
Ihnen werden nicht nur Vorträge angeboten, sondern eine umfassende Unterstützung: von Schulungen über eine beratende „Hotline“ bis hin zur Schaffung einer professionellen Gemeinschaft. Ein Schlüsselwerkzeug der Zukunft ist die nationale Plattform Virtual Data Room mit offenen Vorlagen und Ressourcen, die eine einheitliche Wissensbasis für alle werden soll, die in der Ukraine Projekte vorbereiten.
Umfang und Ambitionen: 6000 Spezialisten und Milliarden von Dollar in Projekten
Die von den Organisatoren genannten Zahlen zeigen, dass I_CAN kein einmaliges Training ist, sondern eine langfristige nationale Strategie. Es wird erwartet, dass das Programm bis 2028 6000 Spezialisten in allen Regionen des Landes ausgebildet haben wird und die professionelle Gemeinschaft darum 8000 Teilnehmer umfassen wird. Dies ist praktisch die Schaffung einer neuen Klasse von Managern auf lokaler Ebene.

Das oberste Ziel ist es, die Fähigkeit der Gemeinden, Finanzierungen für Investitionsprojekte vorzubereiten und einzuwerben, radikal zu verbessern. Es geht um potenzielle Milliarden von Dollar, die derzeit oft aufgrund der Unfähigkeit, einen Antrag ordnungsgemäß zu stellen, ein Budget zu kalkulieren oder die Effizienz nachzuweisen, „stecken bleiben“. I_CAN soll die Brücke zwischen den Bedürfnissen der Gemeinden und den Geldbeuteln der Investoren und Geber sein.
Warum ist das gerade jetzt wichtig?
Die Ukraine steht an der Schwelle der größten Baumaßnahme ihrer Geschichte. Aber Geld, insbesondere internationale Mittel, wird nicht einfach so bereitgestellt. Es erfordert eine einwandfreie Begründung, einen klaren Umsetzungsplan, ein transparentes Budget und ein Verständnis der langfristigen Wirkung. Ohne diese Fähigkeiten kann selbst die notwendigste Initiative jahrelang im Regal verstauben.

Der Beginn der Schulungen in der Oblast Schytomyr (42 Spezialisten aus 10 Gemeinden und Verwaltungen) und in Korosten (75 Vertreter) sind die ersten Schwalben. Bereits vom 16. bis 19. Februar finden Schulungen in Kiew für Vertreter des nördlichen Teils der Oblast Kiew und der Hauptstadtverwaltungen statt. Die Geografie wird sich erweitern.

Die Ironie besteht darin, dass der Krieg mit seinen schrecklichen Zerstörungen ein einzigartiges Fenster der Gelegenheit geschaffen hat, Managementansätze neu zu starten. Das I_CAN-Programm ist ein Versuch, nicht nur wiederaufzubauen, sondern besser, intelligenter und effizienter wiederaufzubauen. Indem das Land den Menschen beibringt, Projekte zu entwickeln, investiert es im Wesentlichen in sein wichtigstes Kapital: das Humankapital und die lokalen Managementkompetenzen. Und das könnte sich langfristig als wichtiger erweisen als jede einzelne wiederaufgebaute Brücke oder Fabrik.
